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Die Federn des Windes
Urban-Fantasy

Erschienen Dezember 2015 über Twentysix.

100.927 Worte
408 (geschätzt) Seiten als eBook (5,99€)
        774 kb
408 Seiten als Taschenbuch (12,99€)
       TB-Größe: 13,5 x 2,4 x 21,5 cm

ISBN-13:  978-3-7407-1556-4


Leseprobe:

Auszug aus Kapitel 10 "Anna":

Die Einrichtung des Zimmers war gleichermaßen vertraut wie außergewöhnlich. Die Wände waren in einem Braunton gestrichen, der von einem goldenen Glanz erfüllt war. Das Bett war aus Holz gefertigt, der Rahmen stabil und geschwungen, von kupferfarbenen Elementen durchzogen. Der zierliche Schreibtisch war in ähnlichem Design und auch die zwei Wandlampen waren aus Kupfer. Die Lampenschirme aus goldenem Glas und die Glühlampen dahinter mit dicken Schläuchen verbunden, die in der Wand verschwanden. Das große Fenster war rund und auch hier herrschten Kupfer und Gold vor. Nichts von alledem hatte Anna in dieser Form schon einmal gesehen. Nicht einmal in den Inneneinrichtungsmagazinen ihrer Mutter.
  Anna ging über den hellen Holzfußboden. Sie konnte keine Kanten, keine Unterbrechung der Maserung sehen, als ob er aus nur einem einzigen großen Holzstück bestand. Dabei versuchte sie sich so leise wie möglich zu bewegen, um den fremden Mann nicht wieder anzulocken. Sie ging zum runden Fenster, welches im Durchmesser ein kleines Stück mehr maß, als sie selbst. Dahinter dämmerte es bereits, außer wenigen verstreuten Lichtern war aber noch nicht viel zu erkennen. Anna presste ihr Gesicht an das kühle Glas und konnte schwach einige entfernte Berge erkennen.
  Wo bin ich hier? Anna dachte angestrengt nach. Keine plausible Erklärung ließ sich auf Anhieb finden. Dieses Zimmer, diese Einrichtung und dieser merkwürdige Mann, wirkten allesamt wie aus einer anderen Welt. Ein Buch kam ihr in den Sinn: Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Dies alles hier erinnerte sie daran. Als wäre sie in dieser Geschichte gefangen. An Bord der Nautilus.
  Anna wischte den absurden Gedanken beiseite. Wie sollte so etwas möglich sein? Vielleicht war der Mann aber auch ein Liebhaber dieser alten Geschichten und hatte sein Heim und sein Leben daran angepasst. Er schien recht freundlich und wirkte im Nachhinein auch nicht mehr so angsteinflößend, wie sie zunächst gedacht hatte.
  Möglicherweise konnte er ihr tatsächlich helfen.
  Anna drehte sich um und ging der Tür entgegen, die in diesem Augenblick geöffnet wurde. Unwillkürlich tat das junge Mädchen einen Schritt zurück.
  Der Mann mit dem dunklen Frack betrat das Zimmer. Er lächelte, als er Anna erblickte und schloss die Tür leise hinter sich.
  „Schön, dass Ihr wach seid“, sagte er freundlich. „Ich hoffe, Ihr habt Euch ein wenig gefangen und wir können uns nun vernünftig unterhalten. Nehmt doch bitte Platz.“
Anna tat, was der Mann von ihr verlangte und setzte sich auf die Bettkante. Es war sicherlich besser, wenn sie tat was er wünschte.
  „Wer bist du? Wo bin ich?“ Anna fiel es schwer zu sprechen. Die Ungewissheit darüber, was geschehen würde, lag wie ein dicker Kloß in ihrem Hals.
  „Es wird sich alles aufklären. Vertraut mir.“ Die sanfte Stimme des Mannes war beruhigend. Anna spürte wie ihre Angst weniger wurde und sie tatsächlich erwog dem Fremden zu glauben.
  „Mein Name ist Kanzler Rothenschild. Darkus Rothenschild. Ihr seid in der wunderschönen Stadt Kesselberg. Hier seid Ihr in Sicherheit“, fuhr der Mann fort.
  Anna war verwirrt. Kesselberg hatte sie noch nie zuvor gehört. Sie musste demnach weit vom Haus ihrer Großmutter entfernt sein, da sie alle großen und kleinen Städte in der Nähe kannte. Mit gemischten Gefühlen musterte sie den Kanzler.
  „Ich will nach Hause“, wünschte Anna mit zittriger Stimme. „Nach Hause zu meiner Schwester!“
  „Selbstverständlich.“ Der Kanzler nickte. „Allerdings wurde das Portal beschädigt. Es wird einen Moment dauern, bis es repariert ist.“
  Anna schluckte. Sie erinnerte sich an das Buch, mit dem sie durch das Dachfenster geflogen war. An den kleinen Mann, mit dem sie gerungen hatte.
  „Das Licht“, flüsterte sie leise.
  „Ja, so kann man es bezeichnen. Ich möchte mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Es war nicht geplant, Euch hierher mitzunehmen. Obgleich ich sehr erfreut über Euren Besuch bin.“
  Die Ausstrahlung des Kanzlers beeindruckte Anna. Das Vertrauen ihm gegenüber wuchs in gleichem Maße, wie sich ihre Angst verringerte. Seine Erzählung weckte ihre Neugier, da sie schon viel von Portalen gelesen und im Fernsehen gesehen hatte. Sie ermöglichten Reisen in andere Zeiten oder gar in andere Welten. Doch das war keine Realität, sondern Science Fiction.
  „Kannst du mich nicht nach Hause fahren?“, fragte sie.
  „Leider nicht“, antwortete der Kanzler. „Schaut, es ist nicht ganz so einfach zu erklären. Ihr lebt in Eurer Welt, die Erde genannt wird. Wir leben im Grunde auf derselben. Nur nennen wir unsere Iphosia. Sie existieren parallel, haben sich aber in unterschiedliche Richtungen entwickelt.“
  „Das verstehe ich nicht“, gab Anna zu. Der Kanzler setzte sich neben sie auf die Bettkante. Anna ließ ihn.
  „So ganz verstehen wir es auch noch nicht“, lachte er. „Es ist aber wohl so, als würden wir auf unterschiedlichen Welten leben.“
  „Also auf verschiedenen Planeten?“
  „So ähnlich. Aber um einen anderen Planeten zu besuchen, müsste man eine Rakete bauen, die schneller als alles ist, was wir kennen. Der Wechsel zwischen unseren Welten funktioniert ganz anders.“
  Der Kanzler stand wieder auf, ging zu einer Ecke des Zimmers und holte eine Art Globus hervor, der auf einem hohen Ständer befestigt war. Die Oberfläche der Kugel schillerte in grünen und blauen Tönen. Sie war eingefasst von kupferfarbenen Drähten. Anna war die Kugel zuvor nicht aufgefallen. Sie hatte sich aber auch nicht die Zeit genommen, jeden einzelnen Winkel des Raumes zu durchsuchen.
  „Schaut“, forderte Rothenschild Anna auf. „Dies ist ein Abbild von Iphosia. Ein grobes wohlgemerkt, aber so in etwa sieht unsere Welt aus. Eure Welt ist dieser ganz ähnlich.“
Unter den wachsamen Augen des Mädchens betätigte der Kanzler einige Schalter und Knöpfe, die sich auf der Rückseite der Kugel befanden. Kurz darauf flirrte die Luft in unmittelbarer Nähe und eine zweite Kugel wurde sichtbar, der ersten recht ähnlich, aber durchsichtig wie eine holografische Kopie. Anna staunte.
  „Dies ist nun Eure Erde. Wir haben eine Technologie entwickelt, die ein Portal zwischen unseren Welten erschaffen kann. Ungefähr so, als würdet Ihr eine Tür öffnen. Nur befindet sich auf der anderen Seite kein anderer Raum, sondern eine andere Welt.“
  „Dann hat der kleine Mann mich entführt?“ Annas Stimme zitterte.
  Der Kanzler erschrak sichtlich. Wenige Schritte brachten ihn zu dem Mädchen. Er ging vor ihr auf die Knie und versuchte ihr Gesicht zu streicheln. Anna zuckte zurück.
  „Nein“, sagte er und unterließ einen zweiten Versuch sie zu berühren. „Es war einzig allein ein Versehen. Der kleine Mann, wie Ihr ihn nennt, sollte nur das Buch holen. Es ist sehr wichtig für uns. Allerdings hat so ein Portal zwischen unseren Welten nur eine recht kurze Standzeit. Deswegen war er zur Eile gezwungen. Er hat mir alles erzählt. Ihr hättet das Buch einfach nur loszulassen brauchen.“
  Anna erkannte im Gesicht des Kanzlers wahres Bedauern. Es schien ihr, als würde es lediglich noch einer Kleinigkeit bedürfen und er würde sie auf den Knie um Verzeihung anflehen.
  „Wann kann ich nach Hause?“, fragte Anna.
  „Sobald das Portal wieder funktioniert. Wir arbeiten daran. Es wird sicherlich nicht lange dauern.“
  „Was ist das für ein Buch?“ Von einer Sekunde zur nächsten hatte Anna unendlich viele Fragen. Sie glaubte dem Kanzler, war überzeugt davon, dass er die Wahrheit sprach. Das Ganze war wie ein fantastischer Traum und sie wollte ihn so ausgiebig wie möglich erleben.
  „Das Buch“, der Kanzler erhob sich wieder und ging einige Schritte durch den Raum. Die Hände verschränkte er dabei hinter dem Rücken. „Das Buch wurde uns einst gestohlen. Die Engelskönigin war seine Hüterin, doch sie hat uns betrogen und das Buch versteckt. Wir haben lange Zeit danach gesucht, bis wir einen Hinweis bekamen. Seit dem waren wir mit Hochdruck damit beschäftigt einen Weg zu finden, wie wir dieses Buch zurückerlangen können. Erst die Erfindung der Portaltechnologie hat dies möglich gemacht. Auf unserer Welt herrscht Krieg, musst du wissen. Die Magischen schicken sich an die Welt, wie wir sie kennen zu stürzen. Dabei schrecken sie vor nichts zurück. Wir versuchten alles, um wieder den Frieden zu bringen, aber all unsere Versuche schlugen fehl. Das Buch ist unsere letzte Hoffnung. Es ist von einer Magie erfüllt, welche in der Lage ist, die Liebe wieder zurück in die Herzen der Völker zu bringen. Dies ist wohl der einzige Weg, der uns noch bleibt.“
  Anna sah wie die Augen des Kanzlers feucht wurden. Er musste großen Schmerz erlitten haben, der zurückkehrte, wenn er darüber sprach. Der Mann tat ihr beinahe Leid.
  „Warum hat der kleine Mann das denn nicht erzählt?“, fragte sie.
  „Die Zeit, mein Kind, die Zeit. Das Portal war instabil. Jede Sekunde zu langen Zögerns hätte alles zerstören können. Darüber hinaus ist er wahrlich kein großer Diplomat. Außerdem… hättet Ihr ihm Glauben geschenkt?“
  Nein, dachte Anna. Bestimmt nicht. „Aber warum hat die Engelskönigin das Buch denn erst versteckt, wenn es für den Frieden wichtig ist? Ist sie eine böse Königin?“
  „Nein“, sagte er und senkte den Kopf. Sein Blick wurde leer und die Erinnerungen schienen ihn zu überwältigen. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder fing und weiter sprechen konnte.
  „Nein“, wiederholte er, „die Königin war nicht böse. Sie hatte es gut gemeint. Das magische Buch kann Frieden bringen, wenn man es richtig einsetzt. Aber zu gleichen Teilen kann es auch Tod und Zerstörung verursachen, wenn es in die falschen Hände gerät. Die niederträchtige Schwester der Engelskönigin giert nach nichts anderem als Macht. Vor ihr hatte sie das Buch schützen wollen!“
  Anna erschrak über die plötzlichen Gefühlwandlungen des Kanzlers. War in seinem Gesicht zuvor Traurigkeit und Güte zu lesen, stand dort Hass und Verachtung, während er von der Schwester der Engelskönigin sprach. Dieser Ausdruck verschwand jedoch sehr schnell, als sich ihre Blicke trafen.
  „Ich bitte um Verzeihung. Ich habe mich hinreißen lassen“, erklärte er mit gequälter Stimme.
  „Die Schwester der Königin hat dir sehr wehgetan, oder?“, wollte Anna wissen.
  Der Kanzler nickte. Er wirkte abwesend, als würden die Erinnerungen versuchen Besitz von ihm zu ergreifen. Anna gab ihm die Zeit und wagte nicht eine weitere Frage zu stellen, obwohl sie noch so viel wissen wollte. Sie spielte das zuvor Gehörte in den Gedanken noch einmal nach. Also wurde sie durch einen Zufall von diesem kleinen Mann in eine andere Welt gebracht. Und das alles nur, weil dieser unbedingt ein bestimmtes magisches Buch wollte. Das alles klang schon viel zu fantastisch als nicht wahr zu sein. Schon immer hatte Anna davon geträumt der normalen Welt entkommen zu können und einmal Abenteuer zu erleben, auch wenn sich diese darauf beschränkten zauberhaften Fabelwesen zu begegnen. Und jetzt war sie genau an jenem erwünschten Ort.
  War es wirklich nur Zufall?
  Mit einem überraschenden Ruck wandte sich Kanzler Rothenschild Anna zu und streckte ihr eine Hand entgegen.
  „Kommt“, in seinen Augen blitzte es auf. „Ich möchte Euch etwas zeigen!“

Anna zögerte, nahm schließlich seine Hand und ließ sich von ihm aus dem Zimmer führen.


Ende der Leseprobe

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